Uwe Lindau "Der Becher des Diogenes"
25.10. - 21.11.2008, Eröffnung: 24.10.2008, 20:00
Uwe Lindau, der etablierte Wilde in Baden, begibt sich wie gewohnt auf Streifzug durch die Anekdoten seiner Malerei und präsentiert seine erste Einzelausstellung bei FGS. Gezeigt werden neue Werke mit Seitenhieb auf die Lebensweisheiten des Diogenes, die Vertreibung des Hungers, Masturbation und den Luxus von Rauschzuständen.
Von Diogenes ist uns bekannt, dass der alte Weise sich auf das Nötigste seiner Existenz beschränkte und in einem leeren Fass seine Behausung fand. Zum Trinken allein nutzte er einen Becher, mit dem er sich Wasser vom Brunnen schöpfte. Der Philosoph stellte sein Leben in den Dienst des Denkens und übte mit seiner Lebensweise Kritik am rauschhaften Konsum und Überfluss seiner menschlichen Gesellschaft. Allein, noch der Becher, dessen er sich als letztem eigenen Gut bediente, war an Besitztum zuviel und musste verschwinden, denn auch mit bloßer Hand ließ sich das kostbare Wasser praktisch trinken.
Verglichen mit dem griechischen Alten käme es dem Maler Uwe Lindau nie in den Sinn, sich abzusondern und das teure Trinkgefäß zu entsorgen. Wie stillos trinkt sich der Wein aus der Hand? Es könnte außerdem nicht genügend Becher geben, um alle Freunde zu versorgen und teilhaben zu lassen am Rausch der Geselligkeit. Uwe Lindau malt die Freuden das Lebens am Goldenen Ufer, seine Bilder sind Ausdruck des Dionysischen, des ungebändigten Farbauftrags und der Nöte des Menschen. Als Künstler würde sich Uwe Lindau neben Diogenes stellen und ihn malen, wenn dieser auf dem Marktplatz sein Hungergefühl deutlich macht. Die Befriedigung der Lust am eigenen Leib steht hoch im Kurs des Hedonisten, die herbeieilenden Betrachter gelten ihm als Menschen, auch wenn sie Schweine sind denn er teilt nicht die misanthrope Haltung des Diogenes. Dessen Becher allerdings, diese Metapher der zivilisierten Welt und des Existenzerhalts, gibt es für den Künstler Uwe Lindau in mannigfaltiger Weise. So könnte ein Glas Wein durchaus sein letztes sein, wie der Trank des Sokrates, um der Welt aus Protest den Rücken zu kehren. Oder handelt es sich um den Schluck der Gerechtigkeit, mit welcher der Becher des Pythagoras die Sklaven nach der harten Arbeit versorgt, mit ausgeklügeltem Überlaufsystem und gleichem Rauschanteil aller Trinker? Könnte Diogenes seinen Becher gar von Archimedes übernommen haben und jeder, der davon trinkt, hat Anteil an Weisheit und Weitsicht? Uwe Lindau lässt die Geschichte kreisen und nimmt sich Diogenes als Anti-Helden. Er sieht in ihm den armen Schlucker, der zu viel Verzicht übt im kurzen Leben.
In der Gegenwart der „Blutküsser“ und anderer Anekdoten von Uwe Lindau erscheint die Weisheit von Diogenes überholt und seine Askese übertrieben. Im Angesicht der Finanzmarktkrise („welcher Krise,...? ich hab’ jede halbe Stunde eine“) aber müssen alle kritisch bleiben wie der griechische Denker, denn wenn sich teure Häuser als hohles Fass entpuppen, dann teilt auch die Kunst die Philosophie des Alten und verdammt die Vernichtung des Kapitals und den Missbrauch des Rausches. Es wird eine Weile dauern um zu verstehen, dass Hunger nicht so leicht zu vertreiben geht wie die Lust durch Masturbation.
In seiner ersten Einzelausstellung bei „Ferenbalm-Gurbrü Station“ zeigt der Karlsruher Maler ganz neue Arbeiten, die ganz alte und ganz aktuelle Pointen erzählen. Uwe Lindau nutzt dafür die unterschiedlichsten Formate und malt in Öl und mit seinen Schrubbhölzern auf Leinwand, Fenster, Türen und Bettendbretter.
Die Bildträger entwickeln mit ihrer eigenen Charakteristik subversive Rahmenerzählungen und ergänzen die schwungvolle, in mehreren Farblagen gemalte Poesie der Malerei. Der kräftige, leuchtende Farbauftrag, kleine Details, der flüssige Übergang von Abstraktion in Figuration und wieder zurück sowie Lindaus expressiver malerischer Gestus stellen Forderungen an die Phantasie des Betrachters und fördern die Erkenntnisfreude, wenn sich Bildgegenstand und Titel in Heiserkeit und Heiterkeit ergänzen.
Uwe Lindau (*1950, in Groß-Barnitz) studierte Rechtswissenschaft in Heidelberg und Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Prof. Markus Lüpertz. Internationale Ausstellungen zeigten seine Werke u.a. im Badischen Kunstverein Karlsruhe, Kunsthalle Baden-Baden, Schloss Randegg, Museum der Moderne Salzburg, GAD Lissabon/ Portugal, Prag, Genf und Venedig.
„Der vollkommene Maler muss imstande sein, sein bestes Bild zehnmal hintereinander abzukratzen und neu zu malen, um zu beweisen, dass er weder von seinen Nerven noch vom Zufall abhängt.“ (Gustave Courbet 1819-1877
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